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ADHS - wie kommt die Unruhe in die Kinder ?
 ADHS - Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörung
Erfahrungen und Überlegungen
Seit vielen Jahren melden sich verunsicherte und ratlose Eltern bei uns an, um abzuklären, ob auf ihr Kind die ADHS Diagnose zutreffen könnte. Eltern wie Fachkräften fällt es schwer, sich im Dschungel vielfältiger Fachaussagen, Diagnosekriterien und Therapieangeboten zurecht zu finden. Was ist ADHS, wie können wir dem Kind helfen, sollen wir Medikamente geben - das sind die Fragen der Eltern. Der Wunsch nach Aufklärung und einer erfolgreichen Behandlungsmethode ist (verständlicherweise) bei allen Beteiligten sehr groß, denn Eltern und Erziehende sind erschöpft im Umgang mit den Kindern.
Wir möchten hier unsere Erfahrungen und Überlegungen zu diesem Diagnosebild zusammenfassen, welches sich - so scheint es manchmal - wie eine Epidemie unter den Kindern (oder den Arztpraxen und Erziehungsinstitutionen) ausbreitet.
Begriffsdefinition
Bei der Aufmerksamkeitsdefizit - Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handelt es sich nicht um eine klar abgegrenzte Beeinträchtigung oder Erkrankung, wie z.B. eine Sehstörung oder Masern, sondern um eine Bündelung verschiedener Eigenschaften und Verhaltensweisen, die bei manchen Kindern besonders intensiv ausgeprägt sind. Sie werden unter dem Syndrom: Aufmerksamkeitsdefizit - Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zusammengefasst Wird nur von ADS gesprochen, so ist eine Aufmerksamkeitsstörung ohne Symptome der Hyperaktivität (gesteigerte Bewegungsunruhe) gemeint.
Auffälligkeiten
Mit ADHS diagnostizierte Kinder verfügen über ein hohes Energieniveau. Ihr Handeln wirkt wenig zielgerichtet und konzentriert, sondern eher chaotisch, willkürlich und flüchtig. Sie beschäftigen sich mit etwas und im nächsten Moment fällt ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes und wieder anderes und so weiter. Diese Kinder nehmen Umgebungsreize sehr genau wahr. Das Ausblenden von unwichtigen Reizen fällt ihnen schwer. Auch gegen Stimmungen und Spannungen anderer, können sie sich nicht abschirmen. Ihr Handykap besteht darin, dass sie große Probleme haben, all diese Reize zu ordnen, zu sortieren und zu verarbeiten. Weil sie nicht gut über Dinge hinwegsehen und "Fünfe gerade sein lassen" können, ist der Alltag enorm anstrengend für sie. Die "gestauten" und unsortierten Eindrücke und Reize überfordern die Kinder und halten sie in einer Daueranspannung. Die (Bewegungs-) Unruhe, Unaufmerksamkeit und das als Provokation erlebte Verhalten muss als Ventil und Folge betrachtet werden.
In der Erziehung ist man bei diesen Kindern so ausgepowert, weil man das Gefühl hat die Kinder nicht wirklich zu erreichen und ihnen nicht gerecht zu werden. Alle bekannten Erziehungsstrategien fruchten meist nicht. Die Kinder lernen aus ihrem Verhalten kaum oder nur sehr langsam. Weil sie ihr "Fehlverhalten" selbst nicht erkennen können, fühlen sie sich zu Unrecht kritisiert, bemängelt, beschimpft und ausgegrenzt. In Gruppen geraten sie leicht in Außenseiterposition. Ihre hohe Reizansprechbarkeit macht es ihnen unmöglich von sich selbst Abstand zu nehmen und sich in andere einzufühlen und anzupassen. Oft verfügen die Kinder auf anderen Ebenen über große Talente, z.B. in speziellen Interessen, Hobbys, etc.. Sie sind hilfsbereit, empfindsam und mobilisieren kurzfristig viel Engagement für Menschen und Aufgaben, die ihnen wichtig sind. Eine besondere Ressource der Kinder ist, dass sie nicht aufgeben und nicht nachtragend sind! Mit all ihrer Energie versuchen sie unermüdlich wieder und wieder mit ihrer Umwelt klar zu kommen um endlich wie andere Kinder dazuzugehören. Nur leider mit immer den selben, unerwünschten - für das Kind aber einzig vorhandenen - Verhaltensstrategien.
Ursachen
Die Ursachen für diese Auffälligkeiten sind vermutlich vielschichtig:
 | genetische Disposition (Temperament, Art und Weise der Reizverarbeitung)
|  | Störungen des Dopaminstoffwechsels (Neurotransmittler)
|  | biographische Ereignisse (frühe Erfahrungen) |
 | soziokulturelle Faktoren (reduzierte Spielmöglichkeiten, die den Kindern auf natürliche Weise die eigenen Kräfte und Grenzen erfahrbar machen / Schnelligkeit, Leistungsdenken und Komplexität des Alltaglebens / ständige Reizdarbietung verschiedenster Medien lassen eine einseitige Überbeanspruchung der Fernsinne Sehen und Hören entstehen / einseitige Lernbedingungen in Schulen, etc.)
|  | familiäre Bedingungen (Kleinfamilien und das Fehlen von mehreren, sich ausgleichenden Bezugspersonen / Fehlen von männlichen Bezugspersonen / Erwachsenenwelt passt nicht zu den kindlichen Bedürfnissen nach Gewohnheiten, ritualisierten Tagesabläufen und Beständigkeit / Erziehungsverunsicherung der Eltern). |
Be- Handlungsmöglichkeiten
Erst nach einer gründlichen Diagnostik kann entschieden werden, welche Hilfen ein Kind braucht. Bewährt hat sich eine Kombination von (verhaltens-) therapeutischen Einzel- und Kleingruppenbehandlungen mit den Kindern, eventuell eine medikamentöse Therapie, um einen Ausstieg aus dem Problemkreislauf zu ermöglichen sowie die Beratung der Eltern und des Erziehungsumfeldes (Kindergarten, Schule). Dadurch können hilfreiche Umgangsweisen mit dem Kind im Alltag erarbeitet werden.
"Wegmachen" lassen sich die anstrengenden Eigenschaften der Kinder nicht. Aber die Einstellung zum Kind ändert sich und es lassen sich Brücken für die Kinder finden, damit der Alltag für alle leichter wird.
Manchmal verändert sich in der Pubertät die "Chemie" der Kinder. Manche Menschen bemerken aber auch noch als Erwachsene, dass die beschriebenen Schwierigkeiten auf sie zutreffen. Als Erwachsene sind sie jedoch geringerer öffentlicher und sozialer Kontrollen ausgeliefert und können ihr Leben eher ihren Eigenarten entsprechend gestalten.
Unter Ärzten weit verbreitet, aber unter Fachleuten ebenso umstritten, ist die Verordnung von "Ritalin". Dies ist ein Medikament, was Kinder beruhigt und ihnen auch bei Konzentrationsstörungen helfen soll. Ohne auf die medizinischen Einzelheiten an dieser Stelle näher eingehen zu können, empfehlen die meisten Fachleute eine Kombination von Familienberatung, Verhaltenstraining mit Kindern und medizinischer Behandlung.
Schätzungsweise sollen 2 bis 6 Prozent der Kinder zwischen 6 und 18 Jahren von ADHS betroffen sein. Dennoch handelt es sich nicht um ein Zeitphänomen, denn schon im Struwelpeter von H. Hoffmann (1845) werden Kinder mit diesen Eigenschaften beschrieben. Auch der Michel aus Lönneberga ließe heute an eine ADHS-Diagnose denken. Vermutlich sind es nicht die Kinder, die immer öfter ADHS "haben", sondern vielmehr scheinen unsere Lebensbedingungen dafür zu sorgen, diese Kinder besonders "sichtbar" werden zu lassen.
Petra Reiners
Matthias Köln
Dipl.-Heilpädagogen in der Erziehungsberatungsstelle Wipperfürth
eb.wipperfuerth@t-online.de
www.beratung-in-wipperfuerth.de
Literaturhinweise:
Gerald Hüther/Helmut Bonney: Neues vom Zappelphilipp. ADS verstehen, vorbeugen und behandeln, Walter Verlag 2002
Thilo Fitzner: ADS Verstehen, Akzeptitieren, Helfen, Belz Verlag
Hommer: Das ADS Buch, Oberstebrink Verlag
D.Krowatschek: Alles über ADS. Ratgeber für Eltern und Lehrer, Walter Verlag 2001
Thom Hartmann: Die andere Art, die Welt zu sehen, Schmidt-Römhild Verlag

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