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Berufsorientierung als Entwicklungsaufgabe
 von Dipl. Psych. Christoph J. Polke, Erziehungsberatungsstelle in Erftstadt)
Hallo,
mein Name ist Christoph Polke, ich bin Psychologischer Psychotherapeut an der Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Caritasverbandes in Erftstadt. Seit nunmehr bald 7 Jahren habe ich für unsere Stelle die Aufgabe übernommen, eine Kooperation zwischen den Schulen und der Einrichtung "Erziehungsberatung" zu gestalten. Ein Teil dieser Gestaltung ist unsere Mitarbeit im Rahmen der Berufsorientierung, einem Konzept, dass diese Schule schon lange vorher entwickelt und durchgeführt hatte. Ich versuche ich, Ihnen hier in kurzen Worten etwas über den entwicklungspsychologischen Stellenwert von Berufsorientierung zu erörtern.
Also: Ich habe mir vorgenommen, Ihre Aufmerksamkeit auf die Entwicklungssituation der Berufsorientierung zu richten, eine Entwicklungssituation, die sich im allgemeinen Erleben oft fast als "en passant". Dass das so ist, mag in vielen Fällen erleichtern, es sollte nicht dazu verführen aber, das Kritische dieses Moments aus dem Auge zu verlieren. Ich vereinfache im folgenden mal die Situation von 15-jährigen Gymnasiasten, indem ich sie von zwei Entwicklungssträngen her beschreibe:
Auf dem einen sind die Jugendlichen also in der Schule, sie haben Unterricht, sie sollen etwas begreifen oder wenigstens lernen. Ich bitte Sie nun, sich einmal eine Vorstellung zu machen: stellen Sie sich vor, es wären die Gehirnfähigkeiten der Jugendlichen auf irgendeine Weise sichtbar, über eine Computersimulation oder über ein Modell. Vor allem würde sichtbar gemacht, welches Ausmaß an Aufnahme- und Verbindungsfähigkeiten ein solch jugendliches Gehirn hätte. Stellen Sie sich weiter vor, dass daneben das Gehirn eines 40-jährigen in gleicher Weise sichtbar gemacht würde. Und nun stellen Sie sich vor, dass diese Aktivitäten beispielsweise durch Leuchtzeichen angezeigt würden. Sie würden im jugendlichen Gehirn eine Art Feuerwerk sehen, ein langsames manchmal hier und da Glimmen im Gehirn der oder des 40-jährigen. Wir wären also in einem vermutlich fasziniert vielleicht auch je nach Verfassung deprimiert von der Geschwindigkeit, mit der ein jugendliches Gehirn Dinge erfassen kann, sie verbinden kann, sie wieder verändern kann, usw. Sie können das ganze sich noch mal praktisch vorstellen, wenn Sie vergleichen, mit welchen Mühen Sie sich an die Computer und in den Internets bewegen und wie das Jugendliche tun.
Ganz offensichtlich hat die Natur es für dieses jugendliche Alter vorgesehen, immense Mengen von Informationen zu laden und zu vernetzen, da können wir in meinem Alter z.B. nur neidisch werden. Wir könnten daraus allerdings auch eine Notwendigkeit ableiten, dass dieses Alter dafür genutzt werden müsste oder es jedenfalls schade wäre, wenn es dafür nicht gut genutzt werden könnte. Und wenn ich das so beschreibe, dann möchte ich damit 2 Stichworte verbinden: zum einen liegt darin eine den Erwachsenenmöglichkeiten enorm überlegene Kompetenz der Jugendlichen, die uns als Erwachsene vorsichtig machen sollte, dass wir unsere Strategien den Jugendlichen vorpredigen. Als unsere Gehirne so funktioniert haben, da haben sie getaugt für die Entscheidungen, die wir vor 20 oder 30 Jahren treffen mussten. In der Tat gewinne ich immer mehr den Eindruck, dass wir für die Situation der Jugendlichen heute wenig brauchbare Rezepte haben, dass wir ihre Situation vermutlich nicht ausreichend verstehen können. Und dass wir damit die Leistung, die die Jugendlichen vollbringen müssen, vermutlich selber nicht mehr vollbringen könnten.
Als Erziehende bringt Sie das nun in eine paradoxe Situation: Natürlich würden wir gerne es genauso einrichten, dass die Jugendlichen ihre immensen Fähigkeiten so benutzen, dass etwas gutes aus ihnen wird. Das Dilemma ist, dass wir es selber nicht für sie machen können, ja mehr noch, dass wir es irgendwie hinkriegen müssen, dass die Jugendlichen es freiwillig machen. Sie können das etwa mit der Situation eines Trainers vergleichen, der längst nicht mehr so hoch springt wie sein Athlet, aber Geduld und mentale Ausdauer aufbringt, den Sportler zu unterstützen. Die wichtigen Ergebnisse bringt allerdings der Sportler selber, der kämpft um die Medaillen. Für die Begleitung von Jugendlichen in der Berufsorientierungssituation hat das eine praktische Konsequenz: mischen wir uns nämlich zu sehr ein, aktivieren wir diese komplette Energie, gegen unseren Eingriff. Das System erledigt nämlich die wichtigsten Aufgaben zuerst. Und die wichtigste Aufgabe ist, die Unversehrtheit der Grenzen. Es wird also die Energie auf die Abwehr eines zu heftigen Eingriffs richten. Vielleicht können Sie jetzt auch erahnen, warum Sie einen Machtkampf gegen einen Jugendlichen in der Regel verlieren werden. Das wird zwar vor allem auch zu seinem eigenen Schaden sein, aber das ist ihm in diesem Augenblick leider eher egal.
Die andere Seite der paradoxen Situation ist, dass Sie sich zu wenig einmischen könnten und dann haben Sie diese orientierungslosen, teils in Selbstüberschätzung, teils in einer recht deprimierenden Zurückgezogenheit lebenden Jugendlichen, die ich leider auch oft sehe, die vor allem sehr gerne für das Klischee von Jugend überhaupt hinhalten müssen. Ich hoffe Sie können sehen, wie beide Erziehungsfehler zu ähnlich unliebsamen Ergebnissen führen können.
Ich hatte noch von einem zweiten Entwicklungsstrang gesprochen, in dem ich vieles andere zusammenfasse. Es ist genau die Zeit, in der mit der Sexualität etwas in die Körper gerückt ist, was auch einer immensen Arbeit bedarf. Es geht um die Akzeptanz und um das Ausprobieren mit dem eigenen Körper. Es geht um den Erwerb der Geschlechterrolle, es geht um die Auseinandersetzung mit den veränderten Gefühlen und Bedürfnissen, die in der Folge der Pubertät aufgekommen sind. Es geht um eine neue Regulierung in den Beziehungen zu den Gleichaltrigen. Aus dem Gegeneinander von Jungen und Mädchen muss es zu irgendeiner Übergangsform werden, die dann später einmal das Miteinander von Männern und Frauen vorbereitet. Zugleich geht es um den Erwerb einer Anerkennung in der Peergroup. Das allein könnte schon reichen, aber die Entwicklung hat auch noch für diese Zeit vorgesehen, eine zunehmende Unabhängigkeit von den Eltern und den anderen Erwachsenen zu etablieren und das in einem Moment, wo sie eigentlich als Vorbilder noch weiter benötigt werden. Es beginnt also der Prozess einer Ablösung aus der Herkunftsfamilie, es beginnen die Phantasien über ein eigenes Familienleben, über ein sozial verantwortliches Handeln auch im weiteren Umfeld, über den Aufbau persönlicher Werte, einer persönlichen Ethik in Übereinstimmung mit einer gesellschaftlichen Ethik und den gesellschaftlichen Werten.
Ich habe Ihnen von diesen beiden Entwicklungssträngen erzählt, um deutlich zu machen, welch immens markante Umzentrierung notwendig ist, um aus der Beschäftigung mit den sowieso schon anstehenden Entwicklungsaufgaben auf die Konzentration für den Prozess der Berufsorientierung zu lenken. Das aber genau versucht die Schule in dieser Berufsorientierungswoche, indem sie den Scheinwerfer einmal auf diesen Prozess lenkt. Für eine kurze Zeit sicher, aber notwendig, um ihm die gewaltigen anderen Energien auch zuzuführen, die er vermutlich braucht, um zu einer guten Entscheidung zu kommen. Natürlich ist es wünschenswert, wenn dadurch angeregt die Familie sich schon einmal um diesen Prozess der Berufsoreintierung kümmert.
Es sollten sich die Erwachsenen dabei auch nicht vielleicht abschrecken lassen durch die Bemerkungen der Jugendlichen, dass das ja alles noch viel Zeit hätte, sich das schon ergeben würde, vor allem auch oft, dass sie es langweilig finden, sich damit schon zu beschäftigen. Denn natürlich wird das Umlenken auch als fremd erlebt, und Fremdes kann oft beängstigend sein und Jugendliche nennen Fremdes und Beängstigendes oft "langweilig". Sie merken, hier schließt sich der Kreis zu dem, was ich oben über das Eingreifen gesagt habe. Tun wir es nicht, kann das Thema einfach evtl. an den Jugendlichen vorbeigehen, das wird es nicht in jedem Falle, aber es kann sein. Tun wir es zu heftig, so lenken wir alle Abwehr auf unser Eingreifen und wir erzielen letztlich das gleiche Ergebnis. Natürlich ist hierfür wichtig, welche Beziehung Sie sich von früh an mit ihren Kindern aufgebaut haben, wie diese Beziehung durch den Prozess der Pubertät geändert werden konnte, d.h. wie Sie darauf reagiert haben und was Sie jeweils neu eingerichtet haben.
Natürlich können Sie auch ein Stück weit darauf vertrauen auf das, was ich die Kompetenz der Jugendlichen genannt habe. Oder mehr noch: es ist ein Stück Respekt vor den jugendlichen Personen, diese Kompetenz in ihnen schlichtweg auch zu bemerken und dem Rechnung zu tragen. Es gibt diese enorme Bildungsfähigkeit und die enorme Flexibilität, die uns nur – und sei es eben neidisch – als Zuschauer lässt.
Aber vielleicht haben Sie nun gegen Schluss auch ein Recht noch zu hören, was wir denn mit den Jugendlichen machen werden bzw. was wir auch glauben, was die Eltern mit ihren Kindern machen sollten: Wir fragen sie. Wir fragen sie, wie weit sie mit ihrem Überlegungen zu ihren Berufen schon sind. Wir hören ihnen zu. Wir lassen es uns von ihnen begründen. Wir versuchen zu verstehen, was daran realistisch ist. Vor allem wollen wir auch lernen, wie sie sich orientieren. Wenn wir das Gefühl haben, während sie es erzählen, stocken sie, dann helfen wir ihnen über diese kurze Stockungen weiter. Wir fordern sie auf, andere zu fragen, was die meinen, welcher Beruf gut zu ihnen passen würde. Wir fordern sie auf, darüber nachzudenken, welche beruflichen Vorbilder ihre Eltern gegeben haben. Wie die mit ihren Berufen zufrieden sind, ob sie wissen, wie die zu ihrer Berufswahl gekommen sind.
Wir hören solche interessanten Sätze wie: "Es ist gut, dass meine Eltern mir ausreden, was ich werden will; wenn ich mich dann trotzdem durchgesetzt habe, weiß ich, dass ich das richtige werde". – Oder: "Ich bin schon stolz, was ich geworden bin, ich will mich erst mal damit beschäftigen darauf zurückzublicken, ehe ich mir das nächste vornehme". – Oder: "Ich habe das Gefühl, hier werde ich das erste Mal gefragt was ich will. Bisher habe ich immer nur gehört, was ich machen soll". – usw. Wir schlagen den Jugendlichen vor, sich einmal den Weg zu ihrem Beruf als eine Strecke vorzustellen und sich zu überlegen, an welchem Punkt der Strecke sie bereits sind. Wir schlagen ihnen vor, sich ihr Gefühl anzugucken, für den Punkt auf der Strecke. Macht es ihnen Angst, fühlen sie sich getrieben, sind sie zuversichtlich, usw.
Wir lassen sie in Rollenspielen erfahren, welchen Einfluss die wichtigen Figuren in ihrem Leben, auch auf diesen Prozess haben. Wir lassen sie ausspielen, wie sie sich wünschen, dass diese Figuren mit ihnen umgehen, wir lassen sie ausspielen, wie sie erleben, wie diese Figuren mit ihnen umgehen. Wir glauben, dass ihnen das bewusst macht, wo sie sich Ressourcen für ihre Entscheidungen herholen können und wo sie es zur Zeit leider nicht können. Wir glauben auch, dass, wenn Jugendliche über diese Gedanken in ihren Familien sprechen, sie eine Verbesserung ihrer Unterstützung – falls sie ihnen nicht ausreichend war – erreichen. Wir glauben auch, dass sie vielleicht zufrieden und glücklich auf ihre Familien gucken, wenn sie spüren, dass sie eine Unterstützung bei ihrer schwierigen Entscheidung haben, usw. Wir machen natürlich nicht in jeder Klasse alles und wir stoßen auch fast in jeder Klasse auf neue Ideen, was die Jugendlichen uns nahe legen, was vielleicht für diesen gesamten Prozess noch wichtig ist. Und ich sollte vielleicht auch noch sagen, dass das unsere Art ist, wie wir es machen, sie ist damit nicht die beste und die einzige wie man es machen kann.
Dipl. Psych. Christoph J. Polke, Psychologischer Psychotherapeut in der Erziehungsberatungs-stelle des Caritasverbandes in Erftstadt, Schloßstr. 1 a, 50374 Erftstadt-Lechenich,
E-Mail: christoph.polke@eb-erftstadt.de

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