Eltern erwarten zumeist, dass Geschwisterkinder sich gut vertragen ("Kinder; zankt euch nicht!"). Die Altersunterschiede, die Geschlechtsunterschiede und vor allem auch die unterschiedlichen Positionen in der Familie geben jedoch den Kindern genug Anlass, Geschwister zugleich als Verbündete und Rivalen zu betrachten.
"Kain und Abel" waren sicherlich nicht "ein Herz und eine Seele", ihre Beziehung war von Kämpfen um die Vorrangstellung geprägt.
"Hänsel und Gretel" dagegen haben sich (gegen die Erwachsenenwelt) verbündet um gemeinsam ihren Weg zu finden.
Das Beispiel von Ralf und Michael Schumacher zeigt die Frage auf, ob ein jüngerer Bruder seinen älteren Bruder überholen darf.
In jeder Familie kommt es vor, dass auf mehr oder minder verträgliche Weise um die Verteilung von Rechten und Zuwendung gehandelt oder auch gestritten wird. Genauso aber können Geschwister sich zusammenschließen, um eine eigene Kinderwelt innerhalb der Familie zu gründen.
Dies hat auch den Vorteil, das es innerhalb einer Familie eigene Lebensbereiche für Kinder und für Erwachsene geben kann. Geschwisterliche Solidarität ist eine wichtige Lernerfahrung für Kinder, ein lebenswichtiges Grundmuster auch für den Aufbau von Beziehungen zu "gleichen Fremden", also zu Kindern außerhalb der Familie.
Was können Eltern im Umgang mit Geschwisterkindern beachten?:
1. Harmonie ist nicht zu erzwingen
Es ist wichtig, dass jedes Kind seinen eigenen Platz in der Familie bekommt. Dies bedeutet, dass nicht alle Geschwister gleich behandelt werden müssen, es bedeutet aber auch, Geschwister nicht immer miteinander zu vergleichen.
Eltern können Geschwisterkindern zweierlei vermitteln: "Du bist einmalig" und "Du gehörst zu uns".
2. Ein gesundes Maß an Rivalität kann hilfreich sein
Je jünger die Kinder sind und je geringer ihr Altersunterschied zueinander ist, desto stärker kann die Rivalität um die elterliche Zuwendung sein. Rivalität kann aber auch dazu beitragen, eigene Stärken zur Geltung zur bringen ("Guck mal, was ich kann") oder etwas Neues zu lernen ("Was der andere kann, möchte ich auch lernen").
Wichtig ist allerdings, dass Rivalität nicht permanent mit Entwertungen und Ausgrenzung des Anderen einhergeht. Es kann vorkommen, dass Eltern in solchen Situationen den nötigen Respekt der Kinder voreinander sichern müssen.
3. Eltern sind keine guten Richter
Kommt es zwischen Geschwistern zu Streit, werden die Eltern oft als Richter angerufen oder meinen selber als Richter eingreifen zu müssen. ("Wer hat angefangen?" / "Wer hat Schuld?" / "Wer meint unschuldig zu sein?") Die Aufgabe als Richter ist eine undankbare Rolle. Eltern können anregen, dass der Respekt voreinander gewahrt wird, auch wenn es Streit gegeben hat. Eine Vermittlerrolle ist dabei durchaus hilfreich. Manchmal ist aber auch ein Machtwort angesagt (besonders wenn ein Streit eskaliert).
Übrigens: In der "großen Politik" hat man täglich mit diesen Problemen zu kämpfen, wer Opfer, wer der Täter und wer der Retter ist.
4. Klare Regeln sind wichtig
Wann trifft sich die Familie zum gemeinsamen Essen?
Wie werden gemeinsame Vorhaben geplant?
Was dürfen die Kinder entsprechend ihrem Alter selber entscheiden und was wird von den Eltern entschieden und verantwortet?
Welche Regeln gibt es im Streitfall?
Welche Rückzugsräume gibt es für jeden?
Jede Familie hat eigene Regeln, die einen sicheren Rahmen geben. Jedoch sollten die Regeln auch eingehalten werden, sonst sind sie wirkungslos.
5. Absolute Gerechtigkeit gibt es nicht
"Das ist aber ungerecht!", so lautet ein häufiger Vorwurf, wenn Geschwisterkinder sich ungleich behandelt fühlen. Es kann aber gute Gründe (z.B. im Altersunterschied) geben, dass Eltern die Kinder ungleich behandeln. Es ist wichtig, dass Eltern den Kindern die Gründe für unterschiedliche Maßstäbe erklären.
Das Dilemma dabei ist, dass Kinder Gleichheit und Gleichwertigkeit gedanklich verknüpfen, und sich durch ungleiche Behandlung schnell benachteiligt fühlen.
Die Frage ist daher, wie es in der Familie möglich sein kann, jedem gerecht zu werden. Der Slogan "Gleiches Recht für Alle" kann in einer Familie nur bedeuten, dass alle darauf achten, dass sich jeder (zumindest "im Großen und Ganzen") gerecht behandelt fühlt.
6. Die Position entscheidet
Wer als "Erstgeborener" in eine Familie hineinkommt, hat eine andere Rolle als ein "Sandwich-Kind" in einer Mittelposition oder als ein "Nesthäkchen". Daraus entwickeln sich unterschiedliche Lebenserfahrungen, Stärken und Bedürfnisse, aber auch unterschiedliche Aufträge und Ansprüche. Den älteren Geschwistern wird eher Verantwortung zugeschrieben ("Du bist doch schon groß"), den jüngeren Kindern eher Unterstützung signalisiert ("Du bist ja noch klein"). Das prägt Menschen auch in dem Bild, das sie von sich selber entwickeln.
7. Der "ideale" Altersunterschied
Von der Entwicklung des einzelnen Kindes her betrachtet, gilt ein Alterabstand von ca. 3 Jahren als günstig. Liegt der Altersunterschied deutlich unter zwei Jahren, kann es am Anfang zu verstärkter Rivalität zwischen den Geschwistern kommen.
Dann ist es gut, wenn je ein Elternteil Hauptabsprechpartner eines Kindes ist.
Ein Alterunterschied von über acht Jahren verringert die Identifikation mit den Geschwistern, da sich die Kinder dann in sehr unterschiedlichen Entwicklungsphasen befinden.
8. Geschwister in Patchwork-Familien
Neu zusammengesetzte Familien z.B. nach Trennung und Scheidung brauchen eine längere (mitunter auch turbulente) Anlaufphase, bis das Thema " Meine - deine - unsere Kinder" geklärt ist und jeder seinen Platz gefunden hat.
Neue und alte Eltern, neue und alte Geschwister, neue und alte Verwandtschaftssysteme, neue und alte Regeln, Finanzen, Wohnungen ....
es braucht Zeit zueinander zu finden, auch wenn alle den Wunsch haben, endlich wieder "eine ganz normale Familie" zu sein.
9. Schulische Leistungen als Maßstab
Geschwister vergleichen miteinander ihre schulischen Leistungen, besonders die Schulnoten. Das geschieht sowieso und lässt sich durch Eltern nicht vermeiden. Doch sollte gesehen werden, dass jedes Kind eigene Stärken und Schwächen hat und vor allem in den verschiedenen Schulen / Klassen völlig unterschiedliche Lernbedingungen gegeben sind.
Heute wird es in der Pädagogik als wichtig angesehen "das Lernen zu lernen", und die unterschiedlichen Lernweisen von Kindern zu beachten. Es ist daher günstiger, wenn Eltern die Lernmotivation eines jeden Kindes fördern, als zwischen den Geschwistern einen Wettbewerb um Schulnoten in Gang zu setzen.
10. Freunde finden
Kontakte zu gleichaltrigen Freunden zu finden ist ein wichtiger Schritt über die Familie hinaus. Es erweist sich als günstig, wenn jedes Kind seinen eigenen Freundeskreis hat. Das können Eltern durch Übernachtungen bei Schulfreunden, durch Teilnahme an Kinderferienmaßnahmen usw. fördern.
von Johannes Böhnke
Diözesancaritasverband Köln