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Online-Beratung im Bistum Essen

Beratungsstellen für Eltern, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene


Hilfe mein Kind wird anders - vom guten Umgang mit Heranwachsenden in der Pubertät



Junge mit Blondem Haar
(Vortrag von Dipl.-Psych. Christoph J. Polke, Erziehungsberatungsstelle des Caritasverbandes in Erftstadt, im St. Ursula Gymnasium in Brühl)

Hallo,

"Hilfe, mein Kind wird anders". Mit diesem Titel möchten wir Sie als Eltern anregen sich mit der bevorstehenden Pubertät ihrer Kinder zu beschäftigen.

Dieses Thema ist Teil des Programms zur - "Suchtprävention und Ich-Stärkung". Wir sehen es so: Wenn Sie sich mit der Entwicklung ihrer Kinder beschäftigen, wird das Auswirkungen auf diese haben. Es wird sie stärken, auch gegen die Schwierigkeiten, die mit den Gefahren der unterschiedlichen stoffabhängigen und stoffunabhängigen Süchte drohen. Wir folgen damit der Erfahrung, dass es illusorisch ist, Jugendliche vor dem Kontakt mit Drogen und Suchtproblemen komplett erfolgreich abzuschirmen. Vielmehr sollten wir unsere Konzentration darauf richten, dass sie gut informiert sind, und wie wir mit ihnen im Gespräch bleiben können, dass wir ihre Entwicklung erfolgreich begleiten können. Damit werden wir am meisten positiv auf die Entscheidung der Jugendlichen einwirken, wie sie sich der Dauerverführung durch Süchte und Drogen gegenüber stellen.

Doch bevor sie sich nun entscheiden, weiter zu lesen, sollte ich mich Ihnen vielleicht erst einmal kurz vorstellen. Mein Name ist Christoph Polke, ich bin Psychologe an der Erziehungs- und Familienberatungsstelle des CARITAS-Verbandes in Erftstadt. Es gibt eine schon längere Zusammenarbeit zwischen dieser Beratungsstelle und der Schule, bei der ich selber jetzt etwa seit 8 Jahren beteiligt bin. Ich möchte Ihnen zunächst einige allgemeine Gedanken zur Pubertät vorstellen. und dann in drei Beispielen illustrieren, welche Erziehungsarbeit in der Pubertät ansteht. Ich schildere Ihnen dazu Beispielsfälle aus meiner Arbeit in der Erziehungsberatungsstelle. Und ich möchte Ihnen daran zeigen, wie das Verhalten von Jugendlichen noch eng verquickt ist mit dem Elternverhalten, und wie ich mit den Eltern daran gearbeitet habe, daß sie ihr Verhalten zu einem positiven Einfluss auf die Jugendlichen nutzen konnten.

Alle 3 bis 5 Jahre gibt die Deutsche Shell AG die Studie eines unabhängigen Forscherteams heraus, die sich umfänglichst mit der Situation der Jugend in Deutschland befasst. Am interessantesten in der letzten Studie (Februar 2000) war für mich, dass sich in der Beziehung zwischen Jugendlichen und ihren Eltern scheinbar etwas geändert hat gegenüber den früheren Jahren.

"Von den deutschen Jugendlichen ... werden die Eltern sehr viel häufiger und deutlicher als früher als Vertrauenspersonen (wieder) wahrgenommen. ... sie erleben mehrheitlich ihre Eltern als Partner, die sich viel Mühe geben, sie zu unterstützen und zu beraten ... Ihre Verselbständigung geschieht nicht im Konflikt, sondern geradezu in Absprache mit den Eltern; bei ihren Ablösungsversuchen fühlen sie sich von ihnen unterstützt." Bei den Ablöseversuchen scheint vor allem eine Rolle zu spielen, in welchem Ausmaß ein Jugendlicher spürt, dass seine Eltern Vertrauen in seine Entwicklung haben. Dies wird als wichtigste Voraussetzung für das tatsächliche Gelingen der Lebensbewältigung angesehen.

Ich finde dieses Ergebnis der Studie deswegen interessant, weil es bedeutet, dass viele Jugendliche das, was ihre Familie ihnen zu bieten hat, als hilfreich erleben, dass die familiären Ressourcen tatsächlich eher wieder funktionieren, während wir noch vor 20 Jahren die mehrheitlich oppositionelle Haltung der Jugendlichen gegen ihre Eltern verstehen und erklären mussten, und von einer Gefährdung der Familienressourcen ausgehen mussten. Nehmen sie das bitte auch als eine wichtige Botschaft von mir mit, vor allem, wenn ich mit Ihnen nachher Beispiele durchgehe, wo ich mit Eltern an Korrekturen ihres Erziehungsverhaltens gearbeitet habe: Tendenziell scheint in Ordnung zu sein, was Sie machen. Allerdings sollten Sie sich nicht zurücklehnen; denn was die Jugendlichen schätzen und brauchen, ist das elterlichen Vertrauen in ihre Entwicklung, und ich glaube, dass sie das vor allem in der tatkräftigen Auseinandersetzung mit ihren Eltern spüren. Darin liegt der mächtigste Einfluss. Und diesen Einfluss brauchen sie, um die Pubertät als eine entwicklungsbedingte Übergangskrise zu meistern.

Ich möchte dabei vor allem das Wort Krise unterstreichen, d.h. eine Gefahr, eine Situation, die höchste Anspannung mit sich bringt und erfordert. Eine Krise übrigens nicht nur des Jugendlichen, sondern auch der Familie, in der er groß wird. Ein Kollege von mir, der in der Beratungsarbeit mit industriellen Betrieben tätig ist, hat die Familie einmal mit einem Betrieb verglichen. Stellen Sie sich also die Familie einmal als eine Unternehmung vor, die als Betriebsziel die Entwicklung von gesunden Menschen hat. Das beinhaltet also, dass Sie, die Erwachsenen die Familienarbeit gesund durchstehen und dass Sie aus den Kindern gesunde Menschen machen, und zwar im Sinne der WHO-Definition "körperlich, seelisch und sozial". Wenn ein Betrieb in eine Krise gerät, verlangt das von den Beteiligten, dass sie umdenken: über ein anderes Produktionsverfahren, eine andere Präsentation, andere Organisationsstrukturen, ein anderes Management. Jedenfalls scheint mit wichtig, dass nicht mit den Anstrengungen fortgefahren wird, die nicht verhindern konnten, dass der Betrieb in die Krise geraten ist, sondern sich auf andere Anstrengungen zu besinnen.

Ich übertrage das jetzt auf unseren Umgang mit den Kindern: es verlangt, in der Krise "Pubertät" einen veränderten Umgang mit ihnen. Wir werden sie nicht mehr so dirigieren, kontrollieren oder behüten können wie bis zu diesem Entwicklungsstadium, sondern wir werden uns umstellen müssen, übrigens teilweise ähnlich radikal wie es wirklich ein in die Krise geratenes Wirtschaftsunternehmen muss. Natürlich kann man es auch positiv sehen: Wir werden Zeugen und Begleiter eines beeindruckenden biologischen Prozesses, der eigengesetzlich in den Kindern abläuft und der enorme Wirkungen für ihre körperliche Erscheinung, ihr psychisches und soziales Funktionieren hat.

Den geänderten Umgang will ich Ihnen an einem Beispiel einmal zeigen: Ich habe da einen Dreijährigen vor Augen, der seine Eltern "informiert", dass er sich noch mal überlegen werde, ob er demnächst in den Kindergarten gehe, rate ich zu sagen: "Natürlich wirst Du in den Kindergarten gehen, das haben wir (deine Eltern), für dich überlegt und entschieden. Wir werden Dir helfen, dass du es gut schaffst." Der Dreijährige spürt Angst, sich auf Neues einlassen zu müssen. Auch wenn er es altklug formuliert, so wird doch vor allem in seinem Verhalten eine Vermeidung deutlich. Die Stabilität der Eltern verhilft ihm, sich der entwicklungsgemäßen Herausforderung zu stellen. Aber so werden sie einem 10jährigen, der vor dem Sprung in die weiterführende Schule steht, nicht mehr antworten können. Wenn Sie ihn nicht an Ihrer Entscheidung beteiligen, welches die passende Schule für ihn sein wird, dann übergehen Sie die Tatsache, dass er bereits viel umfangreichere Erwägungen über sein eigenes Leistungsvermögen, den Stellenwert seiner Freunde und die Atmosphäre an der jeweiligen weiterführenden Schule hat. Und evtl. sehen wir uns dann bei der Frage, warum ihr Kind auf einmal keine Lust mehr hat, in die Schule zu gehen, warum er immer noch nicht selbst Hausaufgaben macht, o.s.ä.. Wenn ich einem 10-jährigen so antworte wie dem Dreijährigen, dann lässt ihn das bezweifeln, ob er auch für andere Probleme sie als Ratgeber noch einmal aufsuchen sollte.

Während wir aber bei einem 10-jährigen noch eine Entscheidung für ihn zu verantworten haben, bei der wir ihn beteiligen sollten, werden wir mit der Pubertät des Kindes eine Entscheidung nicht mehr für ihn treffen können. Bei einem 13-jährigen, dem wir seine Fächerwahl z. B., seine sportliche Betätigung, sein Instrument vorschreiben, laufen wir Gefahr seinen vollen Abwehrreflex auszulösen. D.h. dem Heranwachsenden erscheint es wie ein Notfall, der ihn in seiner entstehenden Persönlichkeit bedroht, der seine Selbständigkeit und seine Selbstverantwortlichkeit gefährdet. Wenn Sie das so aus meinem Munde hören, mag es Ihnen etwas übertrieben vorkommen. Im Empfinden eines pubertierenden Kindes aber sind genau diese Übertreibungen kennzeichnend. Viel kleinere Anlässe als noch vor der Pubertät können immense seelische Energien auslösen, die wir übrigens nicht immer als lautstarkes Gepolter antreffen, sondern oft als heimlichere innere Prozesse, die einer Kenntnisnahme und Beeinflussung viel schwerer zugänglich sind.

Ähnlich wie die schnellen körperliche Veränderungen - Längenwachstum und die Herausbildung der erwachsenen Geschlechtsmerkmale -, wächst auch in der Seele etwas schneller als vorher und es kommt etwas Neues hinzu. Der heranwachsende Jugendliche gewinnt in wenigen Monaten eine andere Perspektive auf die Welt - von 50 cm weiter oben. Sie und er finden sich anders angesehen von anderen. Sie und er fühlen ganz neue körperliche Vorgänge innen. Er fühlt sich anders, oft komisch klingen, und sie und er können plötzlich zunehmend ganz andere und auch viel kompliziertere (z.B. sexuelle) Gedanken denken. Es geht auf einmal um etwas anderes, als mit seinen Eltern, Geschwistern, Freunden, Lehrern klarzukommen, und über sein Schaffen und Leisten froh zu sein. Es geht um das Gewahrwerden einer eigenen Identität, einer Eigenständigkeit, einer persönlichen Eigenheit und Einzigkeit. Die Pubertät stellt den jungen Menschen die Aufgabe, die Identität herauszubilden, d.h. sie müssen den Weg zwischen der Abhängigkeit, z. B. von ihren Eltern und ihrer Selbständigkeit finden, und das ist, wenn Sie so wollen, ein schmaler Grat wo man links und rechts abstürzen kann.

Damit hängt zusammen, was ein elterlicher wohlmeinender Schutz erreichen könnte, wenn es gelingt, Verständnis und Behütung so zu dosieren, dass es nicht zu Aufdringlichkeit oder Gefangennahme wird. Und dann geht es um das Abwägen: Wo und um welchen Preis haben Sie noch Maßnahmen aufrecht zu erhalten und durchzusetzen, wo werden Sie sich zurückziehen. Und wie gestalten Sie die Beziehung zu einem neuen Erwachsenen in ihrer Familie, für den Sie zwar noch zu sorgen haben, aber nicht mehr die Verantwortung tragen können.

Nun zu meinen Beispielen: In allen Fällen handelt es sich selbstverständlich nicht um Kinder oder Familien, die irgendetwas mit dieser Schule zu tun haben. Darüber hinaus habe ich die Situationen so verfremdet, dass sichergestellt ist, dass die Personen nicht identifizierbar sind. Ich möchte Ihnen damit zeigen, wie Kind- und Elternverhalten miteinander verwoben sind. Darin liegt zugleich unsere elterliche Verantwortlichkeit und unsere Beeinflussungsmöglichkeit. Wenn Sie sich dabei zwischenzeitlich ein wenig als Adressaten einer vielleicht zu penetranten Leidenschaftlichkeit fühlen, bitte ich Sie mir das als gewissermaßen Berufskrankheit nachzusehen.

Peter: ein Heranwachsender bleibt ein Kind

Ein Vater kommt mit seinen 13jährigen Sohn zu mir. Peter habe Schwierigkeiten, sich bei den Mitschülern zu behaupten. Er werde gehänselt und schikaniert. Als Folge sei er so aufgeregt und unkonzentriert, dass er z.B. bei Klassenarbeiten versage. Das wirke sich natürlich auf die Noten aus. Peter könne viel mehr, als er in den Klassenarbeiten zeige. Das meinen auch die Lehrer. Der Vater möchte, dass ich mit Peter Konzentrationsübungen mache. Während mir das der Vater erzählt, fällt mir auf, dass Peter körperlich schon weit entwickelt ist, aber wie ein Riesenbaby wirkt. Er hat sich eine kleinkindhafte Sprache angewöhnt, redet auch ungern direkt mit mir, ermuntert seinen Vater, mir Antwort zu geben. Der übernimmt das bereitwillig. Z. B. sagt er auch: "Wir müssen da etwas anders machen, nicht wahr mein Sohn".

Eigentlich sind die Eltern mit Peter zufrieden. Dass er sich nicht wehrt, sehen sie als die Folgen ihrer Erziehung an, wonach es immer ein hohes Gut war, "mit Worten" Auseinandersetzungen zu führen. So habe man eine schöne familienfreundliche Atmosphäre entwickelt, in der man Probleme vernünftig bespreche. Peter sei auf der Grundschule für seine Vernünftigkeit von der Lehrerin immer sehr gelobt worden, und man verstehe auch nicht so recht, warum jetzt auf der weiterführenden Schule, diese Fähigkeit von ihm nicht mehr so recht geschätzt werde. An den Mitschülern habe Peter schon früher nicht so viel Interesse gehabt. Er habe sich immer gerne alleine beschäftigt. Der Vater hat Peter geraten, die hänselnden Mitschüler mit "respektvoller Nichtbeachtung zu bestrafen". Er wünsche sich von den Lehrern, dass diese mehr einschreiten. Sie hätten ja schließlich die Verantwortung dafür zu sehen, dass Peter hier nicht zu einem Außenseiter werde. Am schlimmsten sei, dass es für Peters späteres Leben schwierig werden könne, wenn er jetzt nicht die Noten erhalte, die er aufgrund seiner Intelligenz bekommen müsste.

Ich sage Ihnen nun einmal, was ich aus diesem Fall für unser Thema beibringen will: Peter ordnet sich einer väterlichen Vorstellung unter. Ich spüre dass z.B. an der manipulativen Art, mit der der Vater mir klar machen möchte, was ich wie zu verstehen habe. So muss es auch dem Jungen gehen. Ich glaube, dass er bisher wenig Chancen hatte, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, die sich von den Vorstellungen des Vaters vielleicht auch unterscheiden könnte. Das würde vielleicht Auseinandersetzungen bedeuten, und die will der Vater vielleicht vermeiden. Damit aber kann Peter Auseinandersetzungen nicht einüben und es fehlt ihm diese Fähigkeit im Umgang mit Gleichaltrigen. Soweit meine Überlegung zu Peters Pech mit seinem Vater.

Nun hat er aber auch Glück, weil der gleiche Vater auch Peters Schwierigkeiten wahrnimmt und sich traut, mit ihm zu einem Psychologen zu gehen. Und darüber hinaus besitzt der Vater die innere Größe, seine anfängliche Idee mit den Konzentrationsübungen aufzuschieben, um mit mir die lebensgeschichtliche Situation von Peter zu untersuchen. Wir beginnen zu verstehen, dass Peter, wenn er dem väterlichen Rat folgt, auf die Mitschüler wie eine "Lachnummer" wirkt. Einerseits "verachtet" er deren unvernünftige Rangeleien, reizt sie damit. Andererseits aber, obwohl eigentlich ein Starker ist, wehrt er sich nicht gegen sie, sondern reagiert "babyhaft" mit Schreien und Verpetzen. Einhergehend mit seiner Einsicht "erlaubte" der Vater Peter, sich zu wehren. Allerdings schwappte das auch in die Familie über, d. h. Peter begann - recht zaghaft noch - gegen seine Eltern zu opponieren. Die Eltern konnten in dem Fall ertragen lernen, dass Peters aufkeimender Eigenwillen etwas damit zu tun hat, dass er seinen Platz als entkindlichter Jugendlicher in der Klasse finden muss. Ein bisschen wehmütig sagte der Vater im letzten Gespräch: "Merkwürdigerweise traue ich ihm jetzt viel mehr zu, obwohl wir manchmal streiten und er mir fremder geworden ist."

Nadine: Der richtige Abstand zu Jugendlichen

Während Peter der Beeinflussung durch die Eltern nachgab, indem er sich verkindlichte, kleiner machte, als sein biologisches Alter und die pubertäre Reifung es erforderten, hat Nadine genau die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. (Das ist übrigens kein Zufall. Oft ist mir in der Beratungspraxis bisher begegnet, dass Mädchen zu Beginn der Pubertät eher eine progressive, also eine überunabhängige Richtung einschlagen, Jungen eher eine regressive, d.h. eine überabhängige Richtung. Aber natürlich gibt es auch hier genug Gegenbeispiele. Also weiter zu Nadine:) Sie ist 13 Jahre alt, kommt alleine zu mir in die Beratungsstelle, ein Lehrer hatte sie ermuntern können, den Weg zu uns zu finden. Allerdings merkte ich später, dass es vielmehr vermutlich die Meinung der Mutter war, "irgendso ein Psychologenkrempel hilft uns auch nicht weiter". Denn Nadine’s Devise ist: "Wenn die Mutter nichts davon hält, dann muss da etwas Interessantes dran sein".

Nadine hat die in so einem Falle zwischenzeitlich fast üblichen Piercingringe in der Braue und in der Nase, sie hat knallgrüne Haare und eine orange und eine rosa Strähne darin. Sie sieht mich an, aber irgendwie auch durch mich durch. Nach meinem ersten -na sagen wir mal- "Interesse" über ihr schrilles Äußeres spüre ich eine enorme Traurigkeit, die in ihrem Blick liegt. Sie erzählt mir, wie schwer es aushaltbar sei mit ihrer Mutter, die sie "super nervt" und nichts versteht. Letzthin habe Nadine eine "Freundin" in der 30 km entfernten Großstadt besucht, da habe die Mutter ihr anschließend Stubenarrest für 7 Tage gegeben und jetzt erkläre sie ihr immer wieder, warum und weine dabei; "als hält sie mich für doof", sagt Nadine. An allem habe sie etwas auszusetzen. ihre Kleider passen der Mutter nicht, sie pfuscht in die Hausaufgaben rein. Nadines Leidenschaft "Tanzen" hat sie ihr angedroht zu verbieten.

Noch einige zusätzliche Informationen: Nadines Kleider finde ich auch für meinen Geschmack etwas zu leger, die Sache mit dem Ausflug entpuppt sich als eine sehnsuchtsvolle Fahrt zu einer Gruppenleiterin, die Nadine während einer Sommerfreizeit kennengelernt hatte und zu der sie sehr viel Vertrauen gefasst hat. Was die Mutter an Nadines Tanzleidenschaft nicht mag ist vor allem auch, dass Nadine 4 x in der Woche in ihr Tanzstudio geht, zu einer Lehrerin übrigens, die Nadine anhimmelt. Und das wichtigste: Nadines trauriger Blick. Zu ihrer Geschichte gehört, dass 2 Jahre zuvor ihr Vater gestorben ist. Beide, Mutter und Nadine haben ihn sehr geliebt, jede auf ihre Art.

Und jetzt, was ich zur Entwicklung in diesem Fall denke: Die Mutter wollte nach dem Tod ihres Mannes näher an Nadine heranrücken, als Nadine es wollte. (Übrigens ein Verhalten, dass auch bei Trennung, Streit, Auslandsaufenthalt eines Partners zu beobachten ist.) Die Mutter wollte mit Nadine zusammen trauern, sich besonders um sie kümmern, ihre Vertraute werden. Sie konnte nur schwer ertragen, dass Nadine in ihrer Trauer um ihren Vater alleine sein wollte, in ihrem Tanz trauern, bei der erwachsenen Freundin. Damit die Mutter den Abstandswunsch kapiert, hat sich Nadine ihr Äußeres zugelegt, und sind diese laufenden Konflikte entstanden. Eigentlich brauchten beide sich, aber so wie die Mutter es versucht hat, bekämpfen sie sich mehr und kränken sich gegenseitig. Sie laufen Gefahr, auf diese Weise ihre Beziehung zu zerstören. Nadine hätte eigentlich genug zu tun, den Tod des Vaters zu verarbeiten und zu betrauern, an ihre Entwicklung zu denken, aber sie muss noch zusätzliche Zeichen der Absetzung gegen ihre Mutter inszenieren, die sie in ihrer Entwicklung erheblich aufhalten, teils muss sie sogar sich entstellen. Sie können sich ruhig vorstellen, dass in einem ähnlichen Fall ein Mädchen in der Situation von Nadine irgendwann die Schule abbricht und ihrem Zuhause den Rücken kehrt.

Hans und Karl: Wie Jugendliche verwahrlosen

In meinem letzten Beispiel rief mich eine Lehrerin an und fragte, ob ich mir vorstellen könne, dass sie mit 2 Jungen aus ihrer 8. Klasse zu mir in die Beratungsstelle käme. Sie habe mit beiden gesprochen und sie vor die Alternative gestellt, entweder zu mir zu gehen oder einen Vorfall - es handelt sich darum, dass sie diese beiden Jugendlichen mit Alkohol - je einer Bierflasche - auf dem Schulgelände, erwischt hat - vor die Klassenkonferenz zu bringen. Die Lehrerin erzählt mir noch vor dem Termin, wie sie Sorgen hat, dass beide ins rechtsradikale Milieu abdriften könnten, sie habe auch einige Indizien dafür, umgekehrt könnten sie auch mit Drogen in Kontakt kommen. Ihrer und meiner Erfahrung nach sind das alternative Entwicklungen, aber vielleicht ist das entscheidende, dass die Lehrerin eine traurige Fehlentwicklung befürchtet.

Das schöne an diesem Fall ist, dass es der Lehrerin wirklich gelungen ist, zu beiden - Hans und Karl nenne ich sie einmal - eine so gute Beziehung hinzubekommen, dass sie mit diesem Vorfall auch arbeiten konnte. Und auch ich erlebe beide Jugendliche durchaus relativ wenig verstockt, eher irritiert. Im Gespräch zeigt sich, wie die Eltern von beiden nur schwer erreichbar sind. Wenn ich danach frage, kommen sehr provozierende Gegenfragen, teils aber auch ein trauriger Blick. Insgesamt hat mich diese Begegnung sehr angerührt, jetzt muss ich mich aber auf einen Gedanken dabei konzentrieren: Beide Kinder erleiden in ihren Familien aus ganz unterschiedlichen Gründen letztlich eine Vernachlässigung. Hans´ Situation ist, dass sich die Eltern vor langem getrennt haben, er alleine bei seiner Mutter lebt und diese Mutter periodisch volltrunken ist. In diesen Zuständen ist er rührend bemüht den Haushalt zu versorgen und die Mutter vor Peinlichkeiten nach außen zu schützen. Karl hingegen lebt bei beiden Eltern, beide sind berufstätig, er ein erfolgreicher Rechtsanwalt, sie eine Geschäftsfrau. Bei Karl finden abends gemeinsame Abendessen statt und die Mutter und der Vater erkundigen sich nach seiner Entwicklung in der Schule. Tagsüber dagegen und oft abends ist er schlicht einsam. Insgesamt zeigt sich bei Karls Eltern die Meinung, ihr Sohn habe viele Möglichkeiten u.a. durch ihren Wohlstand, er solle sie nutzen, dürfe beide Eltern ansprechen, wenn er wolle, und wenn er das nicht tue, sei er selber schuld.

Im häuslichen Rahmen kommt jeweils ein ungebührliches Verhalten der Jugendlichen überhaupt nicht zum Ausdruck, das kann es scheinbar nur in der Schule und dort dann heftig: Hans und Karl haben so eine Art Unterdrückungsregime für die Klasse eingerichtet. Der eine verfügt durch seinen Kampfsport über erhebliche körperliche Fähigkeiten, der andere ist entsprechend intellektuell ausgerüstet. Sie erpressen Mitschüler, sie schüchtern sie ein und sie haben es geschafft, dass die Klasse sich nicht gegen beide auflehnen kann. Für die Lehrer sind sie schwer greifbar, obwohl beide auch im Unterricht schwierig sind, weil sie sich nicht wirklich in eine Klassendisziplin einpassen. Erst der Vorfall mit der Bierflasche hat einen konkreten Anlass gegeben.

Und nun kurz mein Kommentar zu diesem Fall: Während bei Peter und Nadine die Eltern zu nahe an den Jugendlichen dran sind, ist bei Karl und Hans der Abstand entschieden zu weit. Letztlich sind beide ein Fall von Verwahrlosung. Beide Kinder scheinen dieses elterliche Zutrauen in ihre Fähigkeiten nicht zu spüren, von dem ich oben im Zusammenhang mit der Shell-Studie gesprochen habe. Während Hans mit der schweren Krankheit der Mutter ein Fall für die institutionelle Kinder- und Jugendhilfe ist, d.h. dass über das Jugendamt ein Erziehungsbeistandschaft oder vielleicht eine sozialpädagogische Familienhilfe eingerichtet werden müsste, gerät Karl in ein elterliches Programm, das sich auf seine tatsächliche innere Realität nicht einstellt, sei es entweder aus Blindheit oder sei es schlicht aus Eigennutz. Die Tatsache, dass beide mit einer Bierflasche von der Lehrerin erwischt wurden, verstehe ich als eine unbewusste Absicht, auf sich aufmerksam zu machen. So ist es kein Zufall, dass sie sich gerade von dieser Lehrerin erwischen ließen, die in der Lage ist, unter dem Vorfall die Situation dieser beiden Jugendlichen zum Thema zu machen.

Das couragierte Vorgehen der Lehrerin hatte als Kehrseite, dass die Eltern zunächst einmal außen davor geblieben waren; in dem vorliegenden Fall war es mir dann aber möglich, mit beiden Familien ins Gespräch zu kommen. Auch glaube ich, dass ein schulischer disziplinarischer Prozess unabhängig von einer Arbeit bei mir ablaufen sollte. Lassen Sie mich zum Schluss noch einmal mit zwei Stichworten hervorheben:

Es ging mir in den Beispielen darum, die Entwicklungsaufgabe der Pubertät und ihr Auftreten in den Erziehungssituationen exemplarisch zu zeigen. Im Falle von Peter und Nadine sind die Eltern zu lange zu nah an den Kindern geblieben, sie haben eine manipulative Art entwickelt, Einfluss auf die Kinder zu nehmen und damit deren Eigenständigkeit gefährdet. Im letzten Falle haben die Eltern teils aus Unfähigkeit vielleicht, teils aus einem falschen Blickwinkel heraus die Jugendlichen zu früh in eine Eigenständigkeit entlassen. Der Freiraum, den die Entwicklung für die Pubertät fordert, braucht Grenzen, Grenzen an denen die Jugendlichen sich versuchen, um sie zu verschieben. Das sind die Auseinandersetzungen, die Sie, die Eltern, führen müssen. Wenn diese Grenzen zu eng, oder zu weit sind, dann könnten Ihre Kinder zu schrillen Gestalten versteifen, oder sich zu vordergründigen Monstern aufblähen.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen zum "Problem" der Pubertät etwas "appetitmachendes" mit in Ihre weiteren Gespräche geben. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Dipl. Psych. Christoph J. Polke, Psychologischer Psychotherapeut in der Erziehungsberatungs-stelle des Caritasverbandes in Erftstadt, Schloßstr. 1 a, 50374 Erftstadt-Lechenich,
E-Mail: christoph.polke@eb-erftstadt.de



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