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Das leere Nest - wenn Jugendliche das Elternhaus verlassen
 von Johannes Böhnke, Dipl.-Sozialpädagoge, Köln
"Die Eltern-Kind-Beziehung ist paradox und in gewisser Weise tragisch. Sie verlangt von den Eltern intensive Liebe zum Kind, doch diese muss dem Kind helfen, den Eltern zu entwachsen und selbständig zu werden".
Wenn ein Kind geboren wird, entsteht eine neue Qualität von Bindung zwischen Eltern und Kindern. Auf paradoxe Weise wird diese Bindung jedoch auch zugleich gelöst, da das Kind mehr und mehr eine eigene Person wird. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern bewegt sich also immer gleichzeitig in einem Spannungsfeld von Bindung und Lösung.
Über viele Jahre lebt man in einer häuslichen Gemeinschaft und zugleich verändern sich die Bindungsmuster zwischen Eltern und Kinder auch in dieser Zeit. So dürfte es die Eltern eigentlich nicht allzu sehr überraschen, dass die Kinder irgendwann "flügge" werden, und das heimische Nest verlassen. Oftmals ist es jedoch so, dass dieser Übergang im Familienleben für alle Beteiligten durchaus eine Schwierigkeit darstellt. Einerseits mag es die Freude über die Selbständigkeit geben, andererseits ist diese Veränderung auch ein Verlust für alle Beteiligten. Die meisten Eltern stellen sich über viele Jahre auf die familiäre Verantwortung ein und richten ihr Leben danach aus. Der Verlust des täglichen Zusammenlebens kann bei den Eltern auch Trauer auslösen, oder Zweifel über die eigene Bedeutung wachrufen.
Je mehr Selbständigkeit Jugendliche erlangen, um so weniger ist eine permanente elterliche Fürsorge notwendig. Im besten Fall wird man eher zum Gesprächspartner.
Das Gegenteil des "leeren Nestes" ist das sogenannte "Hotel Mama". Damit ist gemeint, dass Jugendliche zu Hause bleiben und sich umsorgen lassen, und die Chancen und Risiken einer eigenen Verantwortung nicht erproben. (Wer reinigt die Wäsche? - Wer sorgt für die Ernährung? - Wer verantwortet die Zeiteinteilung und das Geld? - Wer sorgt für das tägliche Auskommen?....)
Manche Eltern und Jugendliche meinen, dass man "alles miteinander" besprechen kann. Dies ist zum einen ein Ausdruck von wachsendem Vertrauen zwischen den Generationen. Andererseits sollte es im Sinne gelingender Ablösung aber auch zunehmend eigene Lebensräume geben, und es wird nich alles in ein gemeinsames Gespräch einfließen können. Bei allem Vertrauen muss man auch darauf achten, dass der Unterschied zwischen den den Generationen gewahrt bleibt.
Wenn Jugendliche oder junge Erwachsene das Elternhaus verlassen, so verändert sich die eigene Elternrolle erneut. Zunächst merkt man es ganz praktisch daran, dass es stiller im Haus wird, dass die bisherige Raumverteilung geändert werden kann, dass die Frage der gemeinsamen Familienzeiten anders zu beantworten ist als bisher. Und bei diesem Umbruch kann es sein, dass Eltern sich nicht mehr gebraucht fühlen, ja an Bedeutsamkeit verlieren.
Nun geschieht dies natürlich nicht von einem Moment zum anderen, sondern deutet sich sowohl in der Kindheit als auch in der Pubertät in verschiedenen Abstufungen an. In Wirklichkeit ist es eine ständige Veränderung, gleichzeitig kann es jedoch gut sein, dass Eltern und Jugendliche zunächst im Konflikt auseinander gehen. Dieser Konflikt mag notwendig sein um eine neue Stufe der Selbständigkeit zu erreichen. Zusätzlich gilt, dass Jugendliche und junge Erwachsene nicht unbedingt die Werte des Elternhauses übernehmen, sondern sich einen eigenen "Wertemix" schaffen. In der Gruppe der Gleichaltrigen gelten mitunter andere Wertordnungen als bei den eigenen Eltern. Dies ist heute deutlich ausgeprägter als in früheren Zeiten. Jugendliche wachsen heute unter anderen Bedingungen auf als ihre Eltern. Auch können sich die Zukunftsvorstellungen von daher deutlich voneinander unterscheiden.
Was tritt aber bei den Eltern an Stelle der Erziehungs- und Familienverantwortung, wenn die Kinder das Haus verlassen? Viele Eltern entdecken zu diesem Zeitpunkt deutlicher als zuvor, dass sie älter geworden sind und eben nicht mehr zu den "Jüngsten" gehören. Was könnte helfen, sein Leben neu auszurichten? Was könnte dabei förderlich sein, die Partnerschaft lebendig zu halten? Gibt es andere Interessen, die bisher zu kurz gekommen sind?
All diese Fragen sind von den Eltern selber zu beantworten und können nicht von Jugendlichen beantwortet werden. Diese sind ja damit beschäftigt, ihr eigenes Leben zu entwickeln und aufzubauen. Es mag hilfreich sein, wenn Eltern in dieser Lebensphase sich mit anderen Eltern zusammenschließen, die Ähnliches erleben. Vielleicht gilt es auch, neue Interessen zu entdecken und neue Beziehungen zu anderen Menschen zu knüpfen. Was sich in der Regel als untauglich erweist ist die Idee, man könne in einer Art "Jungbrunnen" eintauchen und noch einmal verliebt sein wie vor 20 oder 25 Jahren. Es ist aber möglich, sich wohlwollend daran zu erinnern, was die Partner zusammengeführt hat, bevor die Familienzeit begonnen hat. Es gilt, noch einmal neu zu entdecken, was die Partnerschaft begründet hat, welche attraktiven Seiten beim Partner vorhanden sind. Es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, dass die Situation des "leeren Nestes" manche Partnerschaften auch in Krisen führt, und dass es durchaus Trennungen und Scheidungen zu diesem Zeitpunkt gibt. Die gemeinsame Aufgabe "Verantwortung für die Familienzeit" ist weitgehend beendet. Nunmehr braucht es neue Bindungen der Eltern als Partner, neue Bindungen vielleicht auch über die Familie hinaus.
Für die Jugendlichen, die das Elternhaus verlassen, ist es wichtig, dass Eltern sie weiterhin mit Zutrauen begleiten. Obwohl ja niemand weiß, ob es gut geht, und wie es den Jugendlichen gelingt auf eigenen Füßen zu stehen, ist es ganz wesentlich, dass Eltern gegenüber den Jugendlichen ein Zutrauen haben und mitteilen, dass es gelingen kann. Die Eltern müssen aber zugleich auf neue Weise ein eigenes Leben führen lernen. Jugendliche brauchen auch die Zuversicht, dass Eltern ohne sie klarkommen (sonst können Sie nicht gehen).
Letztlich kommt es aber nunmehr darauf an, dass jeder die Verantwortung für seine eigene Lebenszufriedenheit übernimmt.
Johannes Böhnke, Diplom-Sozialpädagoge,Köln
Johannes.Boehnke@caritasnet.de

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