In diesem Artikel geht es um Väter, die von ihren Kindern getrennt leben. Und natürlich ist der Artikel einseitig, indem er beschreibt, wie getrennt lebende Vaterschaft glücken kann. Beginnen wir, indem wir einmal bei einem getrennt lebenden Vater hereinschauen:
Herr Müller lebt seit 4 Wochen von seiner Frau und seiner 9-jährigen Tochter Pia getrennt. Das 2 Zimmerappartement in dem er nun wohnt, ist ihm noch fremd. Er kommt von der Arbeit zurück und fühlt sich einsam. Abends beschleicht ihn dann das Gefühl, in der Ehe und als Familienvater versagt zu haben und seiner Tochter mit der Trennung wehgetan zu haben. Der Krach ums Geld und die Besuchszeiten ist im vollen Gang. Oft verlockt Herrn M. der Gedanke alles hinzuschmeißen, sich einfach nicht mehr blicken zu lassen, sich in die Arbeit und eine neue Beziehung zu stürzen oder nur gelegentlich seine Tochter zu sehen und dann mit tollen Unternehmungen und Geschenken zu glänzen, damit er ihre Trauer nicht so mitkriegt.
Nahezu die Hälfte aller Väter brechen den Kontakt zu ihren – oft noch sehr kleinen – Kindern ab. Ein entscheidendes Kriterium dafür, dass Väter den Kontakt zu ihren Kindern halten ist, ob sie eine eigenständige Beziehung zu ihrem Kind haben, d.h., ob sie an gemeinsame und verbindende Punkte und Erlebnisse anknüpfen können. Damit sind keine großen Aktionen, sondern kleine, alltägliche Momente von Intimität gemeint: Das Erzählen und Streicheln beim zu Bett bringen, ein gemeinsames Spiel, das regelmäßige vom Turnen abholen und unterwegs vom Tag erzählen usw.. Gibt es diese gemeinsam erlebten Momente nicht, bedeutet es eine schwie-rige, doch nicht unmögliche Arbeit diese Verbindungen miteinander neu zu entwickeln. Schauen wir 6 Monate später wieder bei Herrn Müller herein:
Das Abholen und Zurückbringen von Pia kosten Herrn Müller weiterhin alle Nerven: Plötzlich vor der Familienwohnung zu stehen, seine Nochfrau zu sehen, Pia die trödelt, dabei will er so schnell wie möglich mit ihr weg von da. Und dann der Rückweg. Plötzlich wird sie im Auto so komisch, wird immer einsilbiger und sagt schließlich gar nichts mehr. Hat er etwas falsch gemacht? Was macht er, wenn sie nächstes Mal nicht will? Doch Pia erzählt inzwischen wieder mehr von ihren Sorgen und Freuden zu Hause und in der Schule und er redet gerne mit ihr darüber. Glücklich ist Herr Müller, wenn sie ausgelassen toben und lachen. Als Pia an einem Wochenende „Heimweh nach Mama“ hatte, ließ sie sich von ihm mit einem Einschlaflied – ganz wie früher – trösten. Aber ratlos war Herr Müller, wie er die Fragen von Pia beantworten sollte: Warum er nicht zurückkommt und warum sie sich überhaupt getrennt hätten. Seine Antwort, dass sie sich halt nicht mehr liebten und nur noch gestritten hätten konterte sie damit, dass sie sich halt vertragen müssten, das müsse sie in der Schule auch. Recht hatte sie, aber ihm fiel trotzdem nicht mehr ein. Aber sie lachten zusammen, als er sagte, dass Erwachsene da wohl oft dümmer wären als Kinder.
Der größte Stolperstein ist, aus dem Schuldgefühl „ich habe meinem Kind mit der Trennung wehgetan“, alles richtig machen zu wollen. Je größer dieser Druck ist, desto höher ist die Gefahr der Enttäuschung und des Scheiterns mit der Folge des Abbruchs. Ein Schwenk zu den Kindern: Kinder möchten für ihr eigenes Selbstwertgefühl wissen, dass sie eine gute Familie haben und dass es beiden Eltern gut gehen wird. Entscheidend ist schließlich, dass Kinder beide Eltern lieben und ihnen ihre Liebe zeigen wollen. Das gilt übrigens für alle Kinder und deren Wohlergehen, ob getrennt oder nicht. Ebenso wichtig ist allen Kindern die Frage, wie viel an Zeit und Zuwendung sie dem jeweiligen Elternteil wert sind.
Hand aufs Herz: Welches Kind oder welche/r Jugendliche/r in Familien, die zusammenleben, hat regelmäßig seinen Vater alleine zum Reden und zum Spielen? Leben unsere Familien nicht weiterhin in der Mehrzahl so, dass die Mutter die Familie organisiert und der Vater sich lediglich mit einplanen lässt und ein Kind äußerst selten von sich sagen kann „Den Sonntag macht Papa mit mir“.
Zum Abschluss noch einmal zu Herrn Müller, 3 Jahre später: Herr Müller lebt seit einem Jahr mit seiner neuen Lebensgefährtin zusammen. Nachdem die erste Beziehung schnell in die Brüche gegangen war und Pia auch große Eifersucht gezeigt hat, hat er es diesmal langsamer angehen lassen und achtet darauf, auch noch Zeiten mit seiner Tochter alleine zu haben. Wenn er sich mit manchen Kollegen und deren Familienstress vergleicht, stellt er fest, dass so ein Wochenende ein richtiger Luxus für Beide ist. Neulich wollte Pia erstmals nicht am Wochenende mit ihm zu seinen Eltern fahren, was sie früher immer so gerne mochte. Sie wollte zur Fete einer Freundin und dort auch übernachten. Bedauern über das Ende der Kindertage und Stolz auf das Großwerden seines Kindes mischen sich. Herr Müller erinnert sich an die vergangenen Jahre und plötzlich schleicht sich der Gedanke ein: Er ist einer der wichtigsten Menschen im Lebens seines Kindes und ihre Zukunft hängt auch von ihm ab und welchen Platz er seinem Kind in seinem Herzen gibt.
(Der Verfasser, Josef Zimmermann, arbeitet als Diplom-Psychologe bei der Caritas Erziehungs- und Familienberatungsstelle Düsseldorf und leitet dort eine Gruppe für getrennt lebende Väter)