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Beratungsstellen für Eltern, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene


Pubertät ist die Zeit, wenn Eltern schwierig werden (oder?)



Mädchen
von Ingrid Rasch, Diplom-Psychologin, Köln

Krachend fällt die Wohnzimmertür zu. Susanne stürmt in ihr Zimmer und knallt auch diese Tür mit großer Heftigkeit. Später hört man sie in einem ihrer endlosen Telefonate sagen, daß ihre Eltern wirklich das Letzte sind, absolute Hinterwäldler, Spießer, einfach unerträglich....

Im Wohnzimmer bleiben Herr und Frau Breuer wieder einmal fassungslos zurück und fragen sich, was aus dem anschmiegsamen, freundlichen und überall beliebten Mädchen geworden ist, auf das sie einmal so stolz waren. Noch vor kurzem engagierte sie sich im Sportverein, traf sich mit Schulkameradinnen, gehörte zu den Besten ihrer Klasse. Jetzt hängt sie herum, weiß nichts mit sich anzufangen, vernachlässigt die Schule, fast täglich kommt es aus heiterem Himmel zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Eltern, und das geht schon seit Monaten so. Entnervt stellen Herr und Frau Breuer fest, daß es sich wohl nicht um eine schnell vorübergehende Krise handelt.

Kein Zweifel, die Pubertät ist ausgebrochen. Pubertät, das Wort kommt vom lateinischen Wort "pubes" und bedeutet Körperhaar - eine sichtbare körperliche Veränderung hat also dem gesamten Zeitraum den Namen gegeben.

Viele Eltern wissen (theoretisch) um die Vielzahl von Veränderungen, die die pubertäre Entwicklung mit sich bringt. Und doch werden fast alle von der Heftigkeit ihrer Auswirkungen überrascht, weil es offenbar den geheimen Glauben gab, es könne und werde die eigene Familie doch nicht so treffen.

Der Vergleich mit der Geburt eines Kindes liegt nahe , insbesondere der des ersten Kindes. Theoretisch wissen Eltern um die tiefgreifenden Veränderungen, die die Geburt mit sich bringt, und doch sieht es in der Praxis dann alles ganz anders aus.

Wir sprechen zwar von Pubertätskrise, dabei handelt es sich genauso wenig um eine Krise wie bei einer Geburt. Es ist vielmehr eine Zeit der Wandlung, der Mutation. Wie bei der Geburt "stirbt" der Fötus, um als Säugling geboren zu werden, und das ist mit vielen Risiken verbunden.

In der Pubertät muß das Kind sich aus dem familiären Schutz lösen, so wie es sich bei der Geburt von der schützenden Plazenta gelöst hat. Nur mit der Loslösung von der Kindheit kann das Erwachsenwerden beginnen.

Der Vergleich mit der Geburt hinkt aber dennoch etwas, denn dies ist ein eher kurzer Vorgang im Vergleich zu der Spanne von etlichen Jahren, die auf dem Weg von der Kindheit zum Erwachsenwerden vergehen. Zudem bietet sich ein Säugling in seiner Hilfsbedürftigkeit den Eltern an, ihn zu schützen, zu pflegen und zu versorgen, wogegen es gerade in der Zeit der Pubertät gilt, von dieser Art fürsorglicher Elternschaft Abschied zu nehmen.

Auch wenn wir um die hormonell gesteuerten erheblichen Veränderungen in der Pubertät wissen, tut es gut, sich deren Tragweite bewußt zu machen:
PfeilWachstumsschübe, die die kindliche Harmonie der Körperproportionen beenden,
Pfeilder sog. "Stimmbruch" beim Jungen,
PfeilEntwicklung der äußeren Geschlechtsmerkmale,
Pfeilerste Menstruation und erster Samenerguß,

um nur die wesentlichen zu nennen. Der Zeitpunkt, zu dem diese Ereignisse eintreten, ist individuell sehr unterschiedlich, in der Regel bei Mädchen früher als bei Jungen. So kann die sog. Vorpubertät, in der die hormonellen Veränderungen in Gang kommen, z.B. bereits im Alter von 10 Jahren beginnen. Im allgemeinen wird die Zeitspanne zwischen 13 und 18 Jahren als die Zeit der wesentlichen pubertären Entwicklungsschritte angesehen.

Die körperlichen Veränderungen und Destabilisierungen gehen einher mit wesentlichen psychischen Veränderungen und vergleichbaren Erschütterungen der vorher bestehenden Stabiltät:

Stimmungsschwankungen - himmelhochjauchzend und zutodebetrübt, Verlust von Selbstsicherheit und Selbstwertgefühl, daneben Größen- und Allmachtsphantasien, Abkehr von kindlichen Interessen und Neigungen....

Die im wesentlichen in der Familie erworbenen Wertvorstellungen und Maßstäbe der Kinderzeit werden über Bord geworfen. An ihre Stelle treten zunächst einmal Beurteilungen und Einschätzungen von Gleichaltrigen (und Idolen) als handlungsleitende Instanzen, wobei diese auch schnellem Wechsel unterliegen können. Waren gestern noch grün gefärbte lange Haare "in", so kann morgen schon Kahlköpfigkeit die Anerkennung der neuen Freunde finden. Je weiter entfernt Normen und Wertvorstellungen von denen des Elternhauses sind, desto attraktiver sind sie für Pubertierende, die erst dann Neues für sich schaffen können, wenn das Alte über Bord geworfen ist - eine Geduldsprobe für alle Beteiligten.

Geduld und langer Atem fallen insbesondere deshalb schwer, weil bisher gewohnte und bewährte Kommunikationsformen nicht mehr tragen, die gemeinsame Sprache oft verlorengeht. Provokationen und Verletzungen - auf beiden Seiten - mindern die Zuversicht, daß aus dem inneren und äußeren Chaos (und damit ist nicht nur der Zustand des Zimmers von Pubertierenden gemeint) eine neue Ordnung enstehen wird.

Eine hohe erzieherische Leistung liegt darin, die Kluft auszuhalten zwischen dem (berechtigten) Anspruch von Jugendlichen auf Ernstgenommenwerden mit schon fast erwachsenhaft wirkenden Vorstellungen und Ideen und der noch nicht oder sehr schwach ausgeprägten Fähigkeit, sich entsprechend zu verhalten.

Auch wenn alle Erwachsenen dieses Lebens-Stadium durchgemacht haben, ist in der Regel die Erinnerung an die eigene Pubertät verschwommen und ungenau, überlagert von späteren Erfahrungen und Beurteilungen. Vielfach resultiert aus der Erinnerung der Wunsch, die selbst erlebten Konflikte mit den eigenen Eltern bei der Erziehung der jugendlichen Kinder vermeiden zu wollen.

Konflikte sind aber geradezu lebensnotwendig, um sich abzulösen. Konflikte um jeden Preis vermeiden zu wollen heißt, Jugendlichen eine wesentliche Entwicklungschance zu versagen.

Für Eltern-Paare ist die Pubertätszeit ihrer Kinder nicht selten eine Zeit deutlicher Spannungen in der Partnerschaft, weil bestehende Unterschiede in Erziehungsstilen und -zielen in den Konflikten mit den Kindern besondes kraß zutagetreten.

Alleinerziehende Elternteile spüren oft die allein getragene Verantwortung der Erziehung besonders schmerzlich und vermissen den Austausch mit dem Partner.

In Stieffamilien neigen Jugendliche manches Mal mehr als in anderen Familien dazu, den leiblichen Elternteil und den Stiefelternteil gegeneinander auszuspielen.

Pubertät ist für Eltern eine Zeit der Abschiede und eine Zeit besonderer Chancen:

Es gilt, Abschied zu nehmen von der fürsorgenden und schützenden Elternrolle,

Abschied zu nehmen von der Vorstellung, eigene Erfahrungen weitergeben zu können und vor Mißerfolgen schützen zu können und nicht zuletzt Abschied von dem Wunsch, daß die heranwachsenden Kinder Selbständigkeit und Eigenverantwortung ebenso leben, wie es sich die Eltern vorstellen.

Pubertierende geben ihren Eltern aber auch eine wichtige Chance:

Sie nötigen dazu, eigene Standpunkte zu durchleuchten, auf den Prüfstand zu bringen:

Wie halten wir es mit der Religion?

Wie stehen wir zu sexuellen Erfahrungen im Jugendalter?

Sind wir immer und überall für Gewaltfreiheit?

Wie umweltbewußt verhalten wir uns wirklich?

Solchen und vielen ähnlichen Frage gilt es sich zu stellen.

Jugendliche messen unsere Worte an unserem Alltagshandeln und lassen nicht zu, daß wir uns argumentativ verstecken. Sie fordern schlüssige Erklärungen für unsere Grenzsetzungen, unabhängig davon, ob sie sie akzeptieren oder nicht. Nicht-Stimmigkeiten werden von ihnen gnadenlos aufgedeckt.

Goldene Regeln für Eltern und Erzieher/innen im Umgang mit Pubertierenden gibt es sicher nicht, wohl aber Anregungen, die vielleicht weiterhelfen können.

Suchen Sie das Gespräch mit Freunden, um eigene Standpunkte besser entwickeln oder klären zu können.

Scheuen Sie sich nicht, Entscheidungen zu revidieren, wenn Sie neue Standpunkte gewonnen haben.

Sprechen Sie mit Freunden ihres pubertierenden Kindes. Sie können dabei -unbelastet durch die eigenen familiären Konflikte - einen leichteren Zugang zu Vorstellungen und Gefühlen von Jugendlichen dieser Altersstufe bekommen.

Vetreten Sie Ihren Standpunkt klar und sicher, erwarten Sie aber nicht, daß er geteilt oder akzeptiert wird - er dient u.a. auch dazu, sich daran zu reiben.

Sprechen Sie von Ihren Ängsten, wenn z.B. Ihre Tochter nachts ohne Begleitung durch die Stadt nach Hause gehen will, nicht davon, daß es gefährlich ist.

Prüfen Sie gut, welche Grenzsetzungen (z.B. Verbote) für Sie wirklich unverzichtbar sind und was Sie für deren Einhaltung tun werden (Konsequenzen).

Schauen Sie in das Jugendschutzgesetz und machen Sie auch Ihre Tochter/Ihren Sohn damit bekannt.

Lesen Sie einmal ein oder zwei Jugendbücher, weil Sie auch auf diese Weise einen unmittelbaren Zugang zur Erlebenswelt von Jugendlichen bekommen können.

Scheuen Sie sich nicht, die Unterstützung einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle in Anspruch zu nehmen, auch wenn Ihr Sohn oder Ihre Tochter es zunächst ablehnen, mit dorthin zu gehen. Sie können dort im Gespräch mit (außenstehenden) Fachleuten neue Lösungsideen entwickeln.

Ingrid Rasch, Dipl.-Psychologin, Köln
e-mail: Erz.u.Fam.Berat.Kath@t-online.de

Zuerst veröffentlicht im "Elternforum", der Fach- und Verbandszeitschrift der Kath. Elternschaft Deutschlands (1-98)


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